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Inhalt

Michael beschreibt die letzten fünf Monate unfreiwilligen Zusammenlebens des 10-jährigen Wolfgangs und des 35-jährigen Michaels. Der pädophile Michael, ein unauffälliger Versicherungskaufmann, hält im Keller seines anonymen Vorstadthauses Wolfgang gefangen. Die beiden leben einen grausamen Alltag: hinter heruntergelassenen Rollläden darf Wolfgang aus seinem dunklen Kellerzimmer zum Abendessen nach oben, und als Michael für ein paar Tage ins Krankenhaus muss, legt er für Wolfgang einen Vorrat Tütensuppen an. Die Situation gerät aus dem Lot, als Wolfgang beginnt, gegen seinen Unterdrücker zu rebellieren.
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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Eine Filmkritik ist an sich einer Wanderung nicht unähnlich. Man fängt irgendwo an, hat schon ungefähr vor Augen, wo man letzten Endes ankommen möchte und lernt, ganz schnulzig gesagt, auf dem Weg einiges über sich selbst, über Gedanken, die sich vorher in den dunkelsten Untiefen versteckt hielten. Dementsprechend können Kritiken selbst in ihrer Form eine Reflektion des in ihnen besprochenen Filmes sein. Je mehr ein Film liefert, desto tiefer können die späteren Gedanken gehen, desto weitreichender die assoziativen Sprünge. Was also sagt eine solche Einleitung über den Film der Stunde aus? Vielleicht, dass er eine Art Katapult ist, der den Zuschauer zum Ursprung zurückschießt. Vielleicht aber auch, dass er insgeheim den Wunsch auslöst, man habe sich gar nicht auf den Weg gemacht, den dieser Film darstellt. Oder aber, und die Vorstellung weiß am ehesten zu gefallen, dass der Film eine so tief verwurzelte Wirkung hat, dass sie den Rezipienten zu einfachsten und existenziellen Fragen zurückbringt. Was weiß man, was dachte man zu wissen? Eine Kritik zu „Michael“ kann nur eine Annäherung sein, eine Annäherung an das sich auflösende Altbekannte.

Der Film ist sehr nüchtern gehalten und beginnt, wie er endet. Mit dem Öffnen einer Tür. Michael kommt von der Arbeit, schaltet das Licht ein, kocht, deckt den Tisch für zwei und holt einen kleinen Jungen aus seinem verriegelten Kellerraum. Keine dramatische Musik, keine Aufblähung, kein gar nichts. Debüt-Regisseur Markus Schleinzer, der eigentlich als Schauspieler und Casting-Direktor seine Brötchen verdient, schafft zumindest formal einen Rahmen der Neutralität, der die Macht der Einflussnahme weitestgehend auf Null zurückschraubt und seine Figuren Figuren sein lässt. Sie selbst, ihre Blicke, ihre Taten und Worte werden zum Richtwert, den das Publikum dafür nutzen kann und nutzen wird, um über Michael und den zehnjährigen Wolfgang zu urteilen. Michael ist natürlich von Beginn an stigmatisiert, er ist der kranke Psycho, auf den sich der reaktionäre Hass des Zuschauers zentriert.

Auf einmal wurde alles schon vorher gewusst; so wie der aussieht, kann er doch nur ein kranker Kinderficker sein. Regisseur Schleinzer beweist sich als gesellschaftlich erfahrener Menschenkenner, wenn er dieses primitive Verhalten dem Zuschauer nicht vorzuwerfen beginnt, in dem er etwa zeigt, wie nett Michael auch sein kann. Er lässt Michael Michael sein und vertraut darauf, dass sein Zuschauer gebildet genug ist, um nach einer anfänglichen Zeit der emotionalen Eruption damit beginnt, sich mit der vollends unangenehmen Situation auseinanderzusetzen. Dieser Wechsel vollzieht sich in etwa dann, wenn der (nicht gezeigte) sexuelle Missbrauch für den Zuschauer zum ersten Mal visualisiert wird - in Form eines Kreuzes im Kalender. Mehr nicht, ein kleines unscheinbares und anonymes Kreuz, wie jeder es schon mal gesetzt hat. Da zeigt sich in aller Deutlichkeit, wie sehr sich Michaels und Wolfgangs Welt von der unseren unterscheidet. Eigene Regeln, eigene Grundsätze, eigene Schriften.

Vielleicht sind es diese Werteverschiebungen und stets wechselnde Zentrierungspunkte in dem Beziehungskonstrukt der Hauptfiguren (Krankheit, neues Verlangen, Demütigung und Paranoia), die es ermöglichen, dass der Zuschauer nicht nach einer Zeit angewidert abschaltet, sondern gewillt ist, anderthalb Stunden mit einem Pädophilen und seinem Opfer zu verbringen. Ebenso wie wir Michael folgen, wie er sein normales Leben führt, folgen wir manchmal dem kleinen Wolfgang, wie er malt, isst und sich zudeckt. Dabei sind es, auch durch Schleinzers unaufgeregte Stille, Momente, die für die volle Entfaltung ihrer Kraft ein paar Sekunden brauchen und dann umso lauter auf den Zuschauer einkrachen. Zum Beispiel, wenn das Licht in dem kleinen Kellerraum ausgeht, eine Weile Dunkelheit herrscht und man nur Geräusche vernehmen kann. Bewegung, Gerümpel, ein Klacken. Wolfgang hat sich in aller Seelenruhe seine Taschenlampe gesucht, um weiter malen zu können. Das weitreichende Leid in dieser normalisierten Handlung braucht ein paar Momente, bis es seine volle Kraft entfalten kann - aber sobald das der Fall ist, weiß man als Zuschauer gar nicht, ob man sich seelisch abschirmen soll, oder was eigentlich grad um einen herum passiert.

Derartige Momente gibt es hier en masse in einem Film, der weiß, dass seine Auseinandersetzung mit der Thematik auch als Spiel mit dem Feuer beschrieben werden kann. Und doch verbittet er sich gleichermaßen diesen Ausdruck. Dinge, wie die Kindesentführung zwecks sexuellem Missbrauch zwecks Befriedigung sind real. Es scheint, als würde der allgemeine Mensch das schnell vergessen. Dementsprechend bedarf es dem dokumentarisch anmutenden Stilistiken, die der Regisseur für sein Werk wählt. Aber es geht Schleinzer mitnichten nur darum, einen Leuchtstrahler auf ein unangenehmes und daher verschwiegenes Thema zu richten. Viel mehr fordert er eine komplett neue Beschäftigung damit. Von Grund auf neu. Die hauptsächliche Gewalt, die hier nämlich vorherrscht, ist die der Unterdrückung - auch passive Gewalt genannt. Michael unterdrückt Wolfgang, Michael unterdrückt sich selbst, Michaels wahres Selbst wird unterdrückt und kompensiert es daher auf eine explosive und exploitative Art. Der Zuschauer, anfangs ohne schlechtem Gewissen dabei, Michael zu verteufeln; er wird gemäßigter, wandelt seine Stärke nicht in Aggression, sondern zunehmend in rationale Analysen um. Und beginnt dabei, gesellschaftlichen Druck aus einem System zu nehmen, das droht, darunter zu zerbersten.

Fazit

Mit „Michael“ hat der Österreicher Markus Schleinzer ein intensives, wichtiges, bitter-trübes und ein schreiend wundenaufreißendes Meisterwerk geschaffen. Ein Film der leisen Töne auf einer Klaviatur, die sonst nur aus Panik, Geschrei und Hass besteht. Wie geht man mit Pädophilie um? Ist der Fehler bei Michael oder bei sich selbst zu suchen? Ein herzzerreißendes anderthalbstündiges Werk, auf dem zu jeder Sekunde ein immenser Druck zu lasten scheint, der für betrübte Gesichter, nasse Handflächen und schaudernde Nacken sorgen wird. Was auch immer die richtige Art ist, sich eines Problems anzunehmen, ist beinahe schon irrelevant. Relevant ist die Annahme selbst, denn sie schützt vor Unwissen und Vergessen.

Autor: Levin Günther

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